Clownerie bewahrt vor Fanatismus

Oberösterreische Nachrichten Samstag, 2. März 2019

logo ooenachrichtenÜber Masken im Fasching, im Alltag
und in der Clownerie

Gisela Matthiae in einem Interview mit Klaus Buttinger in der Wochenendausgabe der Oberösterreischischen Nachrichten aus Linz

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Clownin Gisela Matthiae, Bild: Pat Meise

Zu jeder Religion müsse Religionskritik dazugehören, allerdings eine konstruktive, eine liebe- und humorvolle. Gisela Matthiae (59) stammt aus Baden-Württemberg, studierte Theologie und war Lehrbeauftragte und evangelische Pfarrerin. Seit 2007 arbeitet sie als freischaffende Theologin und Clownin.

OÖN: Wie sind Sie auf die Clownin gekommen?

Matthiae: Ich war Pfarrerin in Stuttgart und bin zu einem Studienjahr in die USA gegangen. Dort habe ich das Unterrichtsfach "clowning ministry" vorgefunden, also "Clownerie in der Kirche". Das bezieht sich auf alle Tätigkeiten, die in der und um die Kirche anfallen, auch in der Seelsorge. Schon in den 60er-Jahren gab es in angelsächsischen Ländern Versuche, das im Clownskostüm zu machen. Ich fand das faszinierend, vor allem weil ich danach ganz anders in Kontakt war mit den Menschen. Da war plötzlich Herzlichkeit, Direktheit, Augenkontakt. Das Förmliche fiel völlig ab.

Was würden Sie jemandem mit konservativem Kirchenbild sagen, der meint, ein Clown passe nicht in die Kirche?

Ich würde umgekehrt einmal fragen, was er für ein Bild vom Clown hat. Clownerie bedeutet für mich nicht zirkusartiges Gag-Theater, in dem man sich mit Torten bewirft. Mir ist die Clownerie deshalb so wichtig geworden, weil ich in den Clownsfiguren das Menschliche schlechthin entdecke. Und das ist voller Sehnsucht nach Anerkennung, nach Liebe, Hoffnung, nach dem Schönen im Miteinander. Zugleich ist da das Endliche, das Scheitern, das Stolpern.

Wie bringen Sie als Person die ernsthafte Theologin und den lustigen Clown unter einen Hut?

Die Gegenüberstellung "Kirche ist ernst" und "Clownerie ist Spaß" lasse ich nicht gelten. Da bin ich streng. So wie der Humor ist auch die Clownerie nicht das Gegenteil von Ernst. Sie nimmt den Überernst ins Visier, dort, wo es zu streng wird, zu dogmatisch, zu festgelegt, ja totalitär. Clownerie und Humor bewahren vor Fanatismus.

Fehlt der Kirche Humor?

Jaja, unbedingt. Aber nicht immer und überall. Da, wo Kirche sich selbst kritisch anschaut – nicht vernichtend kritisch, sondern liebevoll kritisch im Sinne von konstruktiv –, da ist Humor möglich und der Blick auf das eigene Scheitern. Zu jeder Religion muss Religionskritik dazugehören, damit daraus kein absolutistisches Gebaren wird.

Würde ein größerer Zugang zum Humor auch mehr Leute in die Kirche bringen?

Ja, doch, wenn die Kirche öffentlich zeigen würde, dass sie sich nicht zu ernst nimmt bzw. dass sie ihre eigenen Fehler und ihr Versagen anschaut und dazu steht. Clowntheater setzt sich mit den Tragödien des Lebens auseinander, schaut immer in die Misere, dorthin, wo es schiefgeht, wo die Katastrophen sind. Darin bleibt es aber nicht verhaftet, sondern hat immer dieses Spielerische, den Optimismus; dass man sich daraus befreien kann und neu zum Leben kommt, dass man sieht, was man angerichtet hat, dass man sich versöhnt mit sich und den anderen.

Inwieweit dient Ihnen persönlich die Clownsrolle als Verkleidung?

Die Clownsnase ist nicht so groß, dass man sich dahinter verstecken könnte. Somit ist sie das Gegenteil einer Maske. Die Nase macht aufmerksam auf das Gesicht. Die Clownerie bringt einen dazu, Sachen aus sich herauszulassen. Ich erlebe in meinen Kursen, dass die Leute Seiten oder Identitäten in sich entdecken, die längst verschüttet waren. Ödön von Horváth hat das so schön gesagt: "Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu."

"Übermütig", das aktuelle Buch von Gisela Matthiae, ist im Patmos Verlag erschienen (15,50 Euro).

Die Autorin bietet einen Clown-Lehrgang (Mai bis Nov. 2019) im Bildungshaus St. Virgil an. Info: www.clownin.de

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